Bericht einer Reise nach Passau

 

Gemeindereise der evangelischen Kirche Lenningen-Brucken nach Passau

Von Helmut Köble

Der Einladung von Margret und Rolf Oberle folgten nahezu 80 erwartungsfrohe Teilnehmer aus Lenningen und den Nachbarorten zur 6-tägigen Kulturreise 2012 ins "bayerisch-böhmisch-oberösterreichische Dreiländereck". Donauabwärts ging es also in zwei Bussen, was vor 300 Jahren die ersten auswandernden Donauschwaben auf den primitiven Ulmer Schachteln leisten mussten. Dieses historische Jubiläum gab der an hochkarätigen Etappenzielen reichen Reise zusätzliche Bedeutung. Am Anreisetag gelang es zwar, dem Wintereinbruch vorauszufahren, der große Stadtrundgang in Regensburg war dann aber doch dem nasskalten Wetter ausgesetzt. Wer aber über die 800 Jahre alte Steinerne Brücke ankommt, der überblickt die unermessliche Fülle gut erhaltener historischer Bausubstanz: unzählige Kirchen, Türme, Bürger- und Handelshäuser. Etwas später kommt man vorbei an den Resten des Römerlagers Castra Regina mit Mauer und Nordtor, der Porta Praetoria. So wurde Regensburg immer wieder zu einer Hauptstadt; markante Hinweise dafür sind der mächtige gotische Dom (12541525) und das Alte Rathaus mit dem Reichssaal, dem Ort von vielen Reichs- und Fürstentagen, was dann von 1663 bis 1806 zum "Sitz des Immerwährenden Reichstags" führte. So ist Regensburg also heute nicht unverdient Weltkulturerbe der UNESCO, was auch Ende Oktober noch viele internationale Gruppen in die Stadt führt. Sie ist als Universitätsstadt auch eine deutlich junge Stadt geworden mit vielen Studenten, modischen Shops und stark frequentierter Gastronomie. Mit dem "Wort für den Tag" beschloss Pfarrerin Oberle diesen Regensburger Tag in der schön ausgestatteten ehemaligen Klosterkirche St. Oswald.
Nach Ankunft in Passau zog die Reisegruppe in das zentral gelegene Hotel "Weißer Hase" ein. Dieses gastfreundliche Haus war für vier Tage wohltuender Pol für Start und Ziel zu täglich neuen Exkursionen. Tags darauf war eine 5-stündige Schifffahrt in die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz angesagt. Auf weite Strecken war das Lenninger Schiff alleine auf der ruhig strömenden Donau unterwegs, und so konnte die enge und steile Stromlandschaft geruhsam genossen werden: vorbei an Burgen und Klöstern und bis ans Ufer reichenden bunten Herbstwäldern, die mit einem dünnen Schnee verzaubert waren. Einmalig  die Fahrt durch die Schlögener Schleife, wo die Donau den Schlögenberg kilometerweit aufs engste umschlingt! Die Stille der Naturwunder wurde nur dreimal unterbrochen durch das Technikwunder riesiger Schleusen. Für die Technikfans an Bord war das ein faszinierendes Erlebnis, in bis zu 200 m lange Kammern einzufahren und dann bis zu 12 m abgesenkt zu werden, und dies in der kurzen Zeit von 20 Minuten. Bevor man dann, nach Ankunft in Linz,  die Altstadt erreicht, bestechen beiderseits der Donau einige supermoderne Bauten, die wohl daher rühren, dass Linz 2009 zur Europäischen Kulturhauptstadt gekürt wurde. Das wiederum beflügelte internationale Architekten, und deren Ergebnisse sind sichtbar z. B. im groß angelegten Donaupark mit Brucknerhaus, im Lentos Kunstmuseum und im Ars Electronica Center. In der Innenstadt selbst sammelt man dann viele ähnliche Eindrücke wie tags zuvor: imposante Plätze, reichhaltige Fassaden und dominierend der Dom und die Kirchen. Zum Schluss der Stadtvisite gab es in einem der Original Linzer Cafés das heiß ersehnte Stück Linzer Torte. In der Martin-Luther-Kirche noch das "Wort für den Tat" gefeiert, bevor die Busse uns nach Passau zurückbrachten.
Am dritten Tag war dann Passau das Hauptthema. Nach dem "Wort für den Tag" in der evangelisch-lutherischen Kirche St. Matthäus wurden wir in drei Gruppen zu den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt geführt. Die heutige Altstadt, zwischen Donau und Inn gelegen, präsentiert sich als 350-jährige Barockstadt, wie sie nach schlimmen Stadtbränden im 17. Jahrhundert von italienischen Meistern geschaffen wurde. Über diesem geschlossenen Ensemble thront der Dom St. Stephan. Das halbstündige Konzert auf der größten Domorgel der Welt geriet zum absoluten Höhepunkt diese Vormittags. Wenn nämlich Schlag 12 Uhr Orgelmusik in vielerlei Klangnuancen durch die lichtdurchflutete Kathedrale tönt, dann kann es dem Zuhörer geschehen, als öffneten sich die Himmel. Erkenntnis aus der Stadterkundung: Passau ist heute vieles: Bischofsstadt,  Kunst- und Kulturstadt, Universitäts- und Hafenstadt. Seit jeher wird das Leben in Passau auch vom Wasser geprägt, was mit dazu beiträgt, dass diese Stadt eine der schönsten an der Donau ist.
Das Kontrastprogramm am Nachmittag fand reges Interesse: unsere Busse brachten uns ins nahe Bad Füssing, wo man in den heißen Thermen oder auch nur im Café alle Schrecken des frühen Wintereinbruchs vergessen konnte. Seit über 70 Jahren wird dort 56 Grad heißes Schwefelwasser aus der Tiefe geholt und in verschiedenen Becken temperiert zur Heilung und Erholung angeboten. Und alle waren es hochzufrieden, denn dieser Tag brachte vieles und alles für Leib, Seele und Geist.
Der vierte Tag verlangte dann einen Frühstart, ging es doch hinüber nach Böhmen, dorthin, wo die Moldau entspringt und dann eine kleine Stadt liebevoll umschlingt: Cesky Krumlov, ehemals Krumau. Eindrucksvoll war schon die Anfahrt durch den verschneiten Böhmerwald, dann vorbei an dem in der Sonne funkelnden Moldau-Seenplatte. Die Stadt selber betritt bergauf durch eine mehrstöckige, imposante Mantelbrücke, die das gewaltige Schloss mit dem benachbarten Park verbindet. Von dort überblickt man die malerische Stadt, die sich seit der Wende zur UNESCO-Welterbestadt gewandelt hat. Auch das führt dazu, dass man dann am späten Nachmittag nur noch eine unter vielen Besuchergruppen ist. Krumau heute lebt aber nicht nur von historischen Bauten, sondern betreibt auch zahlreiche Museums- und Kulturaktivitäten.
Nach dieser Visite steuerte die Reisegemeinde noch das nahe Budejovice (Budweis) an. Gegründet 1265, ist diese Stadt heute Verwaltungs- und Kulturzentrum für ganz Südböhmen. Wieder eine Stadt mit riesigem Marktplatz, altem Rathaus, mit einem Dom, mit Museen und einem Konzerthaus und mit engen Gassen und Laubengängen. Unser Besuch galt zuerst der einfachen Kirche der evangelischen Böhmischen Brüder. Ihr Pfarrer stellte seine junge, aktive Gemeinde, die seit 1022 besteht, in Wort und Bild vor. Gemeinsam feierten wir dort das "Wort für den Tag", bevor man sich im Restaurace Masne kramy mit Hefeklößen und Budweiser Bier für die Rückfahrt stärkte.
Am fünften Tag starteten wir wieder in der Frühe zu einem Besuch des Nationalparks Bayerischer Wald. Bei blauem Himmel und tropfendem Schnee führte uns ein Gang durch den Hochwald im Tier-Freigelände vorbei an Elch, Wolf, Wisent und Luchs, die dort ein artgerechtes, relativ freies Leben führen. Das nächste Highligt war freilich der weltweit längste Baumwipfelpfad mit 1300 m Länge. Höhepunkt des Pfades ist ein 44 m hoher Baumturm in Eiform. Oben angekommen, genießt man umfassende Rundblicke: unter einem kilometerweit Wälder, darüber die Gipfel des Lusen (1370 m) und des Großen Rachel (1453m), die klare Sicht ließ im Süden die Alpenkette deutlich erkennen. Hell begeistert von dieser Natur-pur-Tour ging es zurück, nicht ohne einen Zwischenhalt in Rinchnach zu machen, wo wir in der schönen Barockkirche das "Wort für den Tag" feierten. Eigentlich war es der Reformationstag 2012, doch die freundliche Aufnahme durch den dortigen Pfarrer bestätigte einmal mehr, dass es an der Basis kaum noch konfessionell bedingte Berührungsängste gibt.
Am Abend dieses herrlichen Tages wurden dann noch zwei weiter Programmgipfel bestiegen: ein köstliches Abschiedsessen im Hotel "Weißer Hase", danach ein Gang durch Passaus Gassen zum Scharfrichterhaus, wo die Allein-Kabarettistin Monika Blankenberg zum Titel  "Altern ist nichts für Feiglinge" alle Höhen und Tiefen des Alterns demonstrierte. Tröstlich für uns Ältere zu hören, dass das Altern schon mit der Geburt anfängt.
Am 1. November wurde zur Rückfahrt geblasen. Die vertraute Heilig-Geist-Gasse war erst einmal blockiert mit zwei Bussen, 80 aufgeregten Reisenden und mit mehr als 80 Koffern. Die allgemeine Ruhe des hohen Feiertags half jedoch mit, diesen Knoten zu entzerren. Rückreise also entlang der Donau, doch nicht ohne Zwischenhalte mit viel Hintergrund: an der Walhalla, dem "teutschen Ehrentempel" bei Regensburg. Wer als kritischer Erstbesucher diesen Tempelberg besteigt, der wird dreifach belehrt: die Lage ist hervorragend, sie bietet herrliche Ausblicke auf die Donaulandschaft; zum zweiten findet da oben nicht einfach purer Heldenkult statt, es ist eher eine Überzahl an Dichtern und Philosophen, Musikern und Forschern festzustellen, die in Form von 130 Büsten aus Marmor in Doppelreihen aufgestellt sind. Dass darunter auch noch über zehn Schwabenköpfe zu finden sind, das nimmt man doch stolz zur Kenntnis. Nur einige seien genannt, wie Herzog Christoph, Johannes Kepler, Friedrich Schiller, Albert Einstein und als letzte Sophie Scholl, die Widerstandkämpferin. Und ein drittes: wenn im Jahre 1842 ein bayerischer König Ludwig so viel Geld ausgibt für ein so gesamtdeutsches Ehrenmal, und wenn er damit seiner Vision einer vereinten Nation Ausdruck verleiht, so ist dem auch heute großer Respekt zu zollen.
Nächster Halt war dann beim Kloster Weltenburg am Donaudurchbruch. Eindruck macht hier die schnell strömende Donau, die sich hier vor Zeiten den Weg durch den harten Kalk machen  musste. Zu bewundern ist die üppig ausgestattete Klosterkirche mit den kostbaren Deckenfresken. Und schließlich eine letzte kräftige Mahlzeit aus der guten Klosterküche.
Der letzte Halt galt der Fuggerstadt Augsburg, und da speziell der geschichtsträchtigen evangelischen Hauptkirche St. Anna. Martin Luther weilte hier im Kloster 1518 und verweigerte im Streitgespräch mit Kardinal Cajetan den Widerruf seiner Lehre. 1530 formulierten die Protestanten das "Augsburger Bekenntnis", die "Confessio Augustana", die "Confessio Augustana", und 1555 wird hier der Augsburger Religionsfrieden beschlossen, der beide Konfessionen gleichstellt. Und 1999 wird hier die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung" unterzeichnet, in der bekundet wird, dass diese Lehre von der alleinigen Gnade die Kirchen nicht trennt. Hier also feierte die Reisegemeinde  eine letzte Andacht mit Singen, Beten und großer Orgelmusik. Pfarrerin Oberle blickte dankbar zurück auf eine Woche mit großer Gemeinsamkeit und guter Bewahrung, bevor sie den Reisesegen erteilte. Nebenan im Annahof war noch ein kleiner Imbiss bereitet, und dort tat sich noch ein letztes Zeitfenster auf, um Abschied voneinander zu nehmen. In Wort und Lied wird zunächst den Oberles für ihre umfassende und perfekte Organisation größter Dank ausgesprochen. Umgekehrt erfährt die Gruppe Worte des Dankes für eine Woche der Begleitung und gegenseitigen Unterstützung. Und die Regie immer noch so intakt, dass sie dem Mitarbeiterteam nicht nur mit Worten, sondern auch mit einer Linzer Torte zu danken vermochte. Das galt dem Team für das "Wort für den Tag" mit Ute Berger, Sigrid Kirchner, Helmut Köble und Doris Schwohl, dann dem Reiserätselmacher Walter Rings und den beiden hauseigenen Organisten Horst Henning und Berte Köble sowie dem nachgereisten "Bruckener" Konzertorganisten Jens Wollenschläger. Für ihn war es ein Leichtes, auch die größten Orgeln ganz schnell zum Klingen zu bringen, für die beiden Lenninger aber war eine ganz fremde Orgel zunächst mal aufregend, doch siehe da, auch sie meisterten ihre Dienste mit Bravour. Das Gleiche wurde auch den beiden Piloten im Cockpit der Busse bestätigt, Maike und Ludwig, die alle Strecken und Engpässe unaufgeregt und sicher beherrschten. Kurzes Fazit dieser großen Reise: "Mit Fried und Freud wir fuhr'n dahin, die Donau, sie will uns nicht aus dem  Sinn."

Helmut Köble
8. Nov. 2012