Zuhause bleiben 

Wir sind viel zuhause geblieben. Und wir sind auch immer noch viel da. Für die Familie ist das mal so und mal so, für mich selbst auch. Manchmal bin ich ganz konfus, fange an einer Stelle an mit aufräumen, dann tippe ich ein paar Worte für eine Nachricht, ich sammle Wäsche zusammen, mir fällt ein, was ich noch suchen wollte. Nichts ist fertig und ich frage mich, was ich eigentlich wollte. Ist da ein Gefühl von Hunger? Wieviel Uhr ist eigentlich? Fokusverlust. Vielleicht gibt es das ja bald als Phänomen in einer Zeitung: „Immer mehr Deutsche verlieren während Corona den Fokus. Sie stehen einfach zuhause rum.“  

Die ersten Mönche, die sich in die Wüste zurückzogen, haben das mit Plan gemacht. Ein Leitspruch von ihnen war: „Geh in deine Zelle, sie wird dich alles lehren.“ Für die Wüstenmönche war Isolation Programm. Nach dem Motto: „Geh in dein Zimmer, halte dich aus.“ Mir dämmert, wie anstrengend dieses Programm war (und ist). Seltsamerweise übt es eine riesige Faszination auf mich aus. Denn ich höre das als Einladung zu einer Reise nach innen: Was geht in mir vor? Was ist durcheinander? Ich glaube, dass das Wagnis dieser Reise durchaus vergleichbare Abenteuer bereithält, wie wir sie „draußen“ machen.

Fremde Autos und Gnade

Es geschieht immer genau dann, wenn es gerade überhaupt nicht passt. Das war schon in meiner Kindheit so. Sobald wir als Familie im Auto saßen und gerade in den Urlaub fahren wollten, sagte mein Vater den unbestechlichen Satz: „Ich hör da was.“ Und wenn in seinem Ohr das Auto nicht klang, wie es zu klingen hatte, dann hatte das Auto Reparaturbedarf. Mein Vater hätte Automechaniker mit Stetoskop werden können. Dann blieb nur eins: Ab in die Werkstatt. Bei uns war es vor einiger Zeit auch wieder so weit. Es passte gerade überhaupt nicht…

Zum Glück haben wir Freunde. Die haben ihr Auto in unsere Auffahrt geparkt und den Schlüssel in den Briefkasten geworfen.

Dann geschah das Unerwartete. Mehrmals, wiederholt, auffällig. Wenn ich mit diesem Auto unterwegs war, kamen mir Fahrerinnen und Fahrer wild gestikulierend entgegen. Herzliches Lachen, frohe Gesichter, überschwängliche Grußgesten. Verrückt. Ich habe mich gefreut. Fremdgefreut. Das Auto ist offensichtlich bekannt, bekannt auch die, die sonst drin sitzen. Ich habe eine großartige Wärme und Herzlichkeit auf der Straße erlebt. Natürlich auch kleine Ernüchterungen. Irgendwie konnte ich nicht die erwartete Resonanz rüberbringen… Aber was mir daran so gefallen hat: Unsere Freunde sind sehr beliebt. Und ich habe fremde Herzlichkeit abbekommen. Unverdient, fast begrügerisch. Und genau da setzte mein theologisches Aha-Moment ein: Das verbinden wir Christen mit Gnade. Wir haben nichts dafür getan und alle Herzlichkeit Gottes strahlt uns entgegen (vgl. Lukas 15).

Krise und Sofa

Welche Erinnerungen haben wir an unsere Jugend? Ich berichte von einer, die etwas mit diesen Tagen zu tun hat.

In meiner Jugend hatte ich ein Sofa. Darauf lag die Fernbedienung für meine Stereoanlage. Wenn ich etwas zu verarbeiten hatte, wie zum Beispiel einen Korb, dann legte ich melancholische Musik in den CD-Player, nahm die Fernbedienung und wälzte mich auf’s Sofa. Dort konnte ich halb bis ganz apathisch viel Zeit verbringen. Meistens litt ich mit der Stimme von Chris Martin von coldplay.

Inzwischen habe ich ein größeres Sofa. Auf das kann ich mich auch wälzen. Tatsächlich war mir in den letzten Tagen die Leidenschaft abhanden gekommen. Als ob ich in ein Sumpfloch getreten wäre, ohne Ahnung, was zu tun sei, schicksalsergeben. Sinkend, mit leichtem Blubbern. Corona. Wie geht es weiter? Was weiß die Wissenschaft eigentlich? Welchen Sinn macht homeschooling? Wann ist ein Gottesdienst, ein Gottesdienst? Ist die Bürokratie hilfreich oder nimmt sie geheimnisvoll Fahrt auf und dreht sich wie ein Selbstbeschäftigungskarusell? Bei „Tschick“ habe ich einst die schöne Redewendung gefunden „Das zieht mir den Stecker“. Gut, dass die alte Anlage noch da ist. Sofa. Musik.

Ähnliche Gefühle äußern die Psalmbeter in alter Zeit. Sie verwenden dabei ein Wort, das uns heute fast abhanden gekommen ist: „harren“. Es bedeutet: „feststecken in einer Situation“. Von Gott erwarten sie, dass er ihnen zu Hilfe kommt. „Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!“ (Ps 27,14) Ich finde, dass das ein guter Rat ist. Steckenbleiben, liegenbleiben, und harren. Bis wirklich Gott kommt. Alles Andere hat keinen Zweck.

Krise und Ratlosigkeit

Eine der klassischen Erzählungen ist die von Mose. Er führte das Volk Israel aus Ägypten in das „gelobte Land“. Unterwegs warteten Herausforderungen, Tücken und auch – altmodisches Wort – „Versuchungen“. Eine Versuchung erzählt die Geschichte vom Goldenen Kalb: Statt auf Gottes Bote zu warten, feierten die Israeliten ihren Reichtum und die Potenz und Kraft des Stieres. Mit meinen Schulkindern singe ich ein Lied dazu. Die Melodie ist einprägsam, leichtgängig und beschwingt. Der Refain lautet: „Und so tanzten sie um das goldne Kalb / und sie tanzten immer weiter / und so tanzten sie um das goldne Kalb / und sie wurden nicht gescheiter.“ Das Lied strotzt nur so vor Ironie. 

Wenn ich gerade in einer Zeitung lese oder die Nachrichten schaue, dann scheint mir genau das Motto durchzuklingen: „Wir wollen weitertanzen! Lasst uns endlich!“ Die DFL versucht sich an einem Konzept mit privilegierter medizinischer Versorgung. Fußballer sollen ständig getestet werden. Das wäre dann wichtiger als das Testen von Pflegepersonal und Ärzten, denn: Es geht ums Geld.  

Ich habe nichts gegen das Geldverdienen. Es ist gut, es ist wichtig und auch hoffentlich zufriedenstellend wie bestätigend zu arbeiten. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft. Aber die Branchen, in denen sich die Gehälter – wie soll ich sagen? – in solche Höhen entwickeln, wo ist da die faktische Referenz? Ist es richtig, die Leistung eines Fußballers derart extrem zu beziffern, im Verhältnis zu denen, die pflegen und anderswo arbeiten und dort, an ihrem Platz, das Beste geben? Markus Weinzierl wurde im kicker mit den Worten zitiert „der Fußball kann die Menschen auch ablenken“. Was soll man dazu noch sagen? 

Uns Menschen ist eine Grenze gesetzt, was unser Streben angeht. Sie relativiert alle anderen Anstrengungen des Willens, der Kraft und der Vernunft. Sie lautet: „Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland befreit hat. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Die Bundesliga

Die Bundesliga will baldmöglichst wieder beginnen. Die Profis sollen vor leeren Rängen und Kameras ihre Spiele absolvieren. Dafür wird ein erheblicher Aufwand betrieben. Corona-Tests in hoher Dichte, genaue Regeln für Abstände, Hygiene, Teamtraining. Ein eigenes Konzept wurde irgendeinem Ministerium vorgelegt, Ministerpräsidenten sprachen sich populär dafür aus. Auf der anderen Seite steht eine überaus große Zahl an Vereinen in Dörfern und Städten. Wöchentlich verausgaben sich dort Amateure und Kinder, finden unterschiedlichste Menschen für ihre Leidenschaft zusammen, wird ehrenamtlich Großartiges geleistet, es wird während und nach dem Training geflachst und manches Lebensproblem besprochen, vermutlich bei einem Bier. Bei den Profis mag es bis auf das Bier ähnlich sein. Allerdings steht der Amateurbetrieb still. Denn auf der Ebene der Amateure ist das Geld nicht vorhanden. Anders: Es fehlt die finanzielle Stärke und Kraft, jetzt auf die Beine zu kommen wie der Profibetrieb.  

Was hat das mit einem theologischen Einwurf zu tun? Paulus schreibt einmal: Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. (Röm 15,1) Ich fürchte im Moment, dass das genaue Gegenteil eintreten wird: Die Starken, also die Profivereine in der Bundesliga oder den Bundesligen, die großen Konzerne und wer es sich eben leisten kann, sie werden ihren Betrieb aufnehmen. Sie werden vieles oder gar alles daran setzen, stark zu bleiben. Das heißt: die finanziellen Möglichkeiten sollen bleiben wie sie sind und auch die Differenzen in den Umsätzen und Gehältern zur übrigen Bevölkerung oder den Amateuren, eben den Anderen. 

In der Gemeinde Jesu Christi ist uns dieser Weg verwehrt. Konkret müssen wir deshalb darüber nachdenken, ob wir Gottesdienste wieder feiern, und wenn ja, wie. Denn wenn jetzt alle kommen können, die stark und entlastet sind, dann übergehen wir die Mühseligen und Beladenen. Wir kümmern uns nicht um die Differenzen zwischen den Starken und den Schwachen. Das aber ist exakt unser Auftrag. Wie also kommen wir in der Kirche hin zu ihnen und helfen ihnen? 

Und was wäre, wenn sich der Profibetrieb um die Amateure kümmert, die Bigplayer um die Zulieferer, die Weltkonzerne um den Mittelstand? Was wäre, wenn unsere Gesellschaft (polis) mit ihren Verantwortlichen (Politiker) dahin nachdächte?

Wäre ich dabei gewesen...

Wäre ich dabei gewesen, damals an diesem Morgen, den sie heute Ostern nennen, wie hätte ich reagiert? Ich saß neulich in der Notaufnahme einer Klinik und hatte viel Zeit zu warten. Beim Warten komme ich manchmal gut ins Beten. Zum Glück war der Wartesaal angenehm ruhig. Dafür suche ich dann ein Bibelwort und sage es mir in aller Ruhe immer wieder von vorne auf. Weil ich es am Eingang zur Klinik – mit Kreide auf den Boden geschrieben – gelesen hatte, nahm ich den Ostergruß auf „Der Herr ist auferstanden“.

Ich saß da, sprach stumm in mir und versuchte mit den Schock vorzustellen, den die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu in den Gliedern gesessen haben musste. „Der Herr ist auferstanden.“ Die Starre in ihrem Empfinden und das Taube in ihrer Wahrnehmung. „Der Herr ist auferstanden.“ Die untragbare Last aus Trauer und Schmerz, die den Brustkorb beschweren und in eine gebeugte Haltung pressen. „Der Herr ist auferstanden.“ Die Wut, den Hass, die Rachsucht auf die ach so hohen Leute im Rat und diesen Pilatus. „Der Herr ist auferstanden.“ Sie haben ihn verurteilt und verdammt und beseitigt, damit er ein für alle mal Ruhe gibt. „Der Herr ist auferstanden.“

Der Ostergruß ist wie eine Pflanze, die durch Beton bricht. Dieses unfassbare Wunder aus der Natur, dass das Harte durchbrochen wird von zartem aber unnachgiebigem Leben.

Wenn ich dabei gewesen wäre – ich hätte ungläubig gestaunt, ich hätte es wohl nicht fassen können und gesagt: „Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehe, glaube ich es nicht…“ (vgl. Joh 20,25).

Avocados und Ostern

Auf eine nicht näher bestimmte Weise, also ohne tieferen Grund, einfach so, hatten wir in den letzten Wochen viele Avocados zu essen. Unwiderstehlich für uns: Guacamole. Und darüberhinaus eine Nachtischcreme aus Avocado, Sahne und Limetten. Mit ordentlich Zucker. Und wie sagte Tim Mälzer einmal beiläufig? „Die Avocado ist die Butter des Urwalds.“ Der Nachtisch ist also durchaus gehaltvoll, auch wenn die Limetten einen dazu verführen an einen gesunden und fruchtigen, kräftig-grünen superfood zu denken.

In der Avocado steckt bekanntermaßen ein großer Kern. Und im Kern einer Sache – da steckt im Prinzip das Leben der Frucht, weil sie mit dem Kern neu gepflanzt werden kann. Dieses Jahr habe ich mich gefragt, was der Kern von Ostern ist? Was ist in der Mitte dieses Festes? Was ist in der Mitte der Ostergeschichte? Von welchem Leben spricht Ostern? Wer das liest merkt schon, dass mich diese Fragen umtreiben. Also was ich dieses Jahr im Kern von Ostern entdeckt habe ist: Gott erschuf das Leben, Gott gibt seinen Sohn hin, damit dieses Leben erhalten wird. Auf das erste Lesen scheint das vielleicht unspektakulär. Aber darin liegt für mich eine Konsquenz, die meine Unruhe weitertreibt: Das Geschenk, zu leben, ist das Größte. Das soll uns Menschen bleiben: Dass wir leben! Jesus sagt ja: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben! (Joh 14,19) Von daher ist eher relativ (keinesfalls egal!) wie wir leben - ob nun fit oder angeschlagen, im Wohlstand oder im Frust des Mangels, mit gelungenen Lebensläufen und Karrieren oder mit Brüchen und offenen Wunden! Dass genau ich lebe und ich leben soll, dass das nicht nur heute und für eine mitteleuropäische Lebenserwartung gilt, sondern ein Schwergewicht auf der Ewigkeit hat, das habe ich dieses Jahr am Kern von Ostern (neu) entdeckt.

Christoph Schubert

Krise und Medizin

Die Hausapotheke - jede und jeder hat eine. Sie ist mehr oder minder gut gefüllt und zeichnet in der Regel auch ein kleines Charakterprofil ihrer Besitzerin oder ihres Besitzers.

In meiner stehen auch Bücher. Denn manchmal brauche ich Gedankenmedizin. Ich habe Bücher gegen Einsamkeit, Bücher gegen Schmerzen, Bücher mit Sinn, Bücher gegen nervige Gedanken und noch manche mehr.

In der alten Kirche gab es schon solche Bücher. Eines davon stammt vom Wüsteneremit Evagrius Ponticus. Es trägt den Titel "Die große Widerrede". Darin sammelt Evagrius, sehr schlicht aber prägnant, Widerreden gegen die Gedanken, die ihm in der Einsamkeit so kommen. Es handelt sich um Gedanken, die ihn hindern, ein Leben vor Gott zu führen. Eine passende Widerrede für diese Tage habe ich gefunden:

"Gegen den Gedanken, der uns hindert den Armen von unserer Nahrung und Kleidung mitzuteilen, da der Vorrat für uns und sie nicht ausreiche...":

Lk 3,11: Wer zwei Gewänder besitzt, gebe dem davon, der keines hat und wer Nahrungsmittel hat, handle ebenso.

So schlicht und doch so prägnant. Eine gute Tat als Medizin. Keine weiteren Worte. Medizin schmeckt nicht immer gut aber sie hilft :).

Christoph Schubert (01.04.2020)

Krise und Hefe

„Bläschen! Sie gärt und lebt!“ Ein innerer Jubel meinerseits über meine selbst angesetzte Hefe. Auf dem Heizkörper steht die Tupperschüssel. Darin: Weizenmehl vermengt mit „Apfelwasser“. Aus Respekt vor dem Überlieferer traue ich mich nicht das Rezept einzustellen. Aber ich verweise auf Claudio del Principes Koch(-Poesie-)Buch „a casa“ und seinen Blog Anonyme Köche. Seit über einer Woche bin ich damit zugange.

Hefe ist für mich ein Stück Freude in Würfelform. Aus ihr lassen sich Teige herstellen, die wie Traumlandschaften in meiner Phantasie aufgehen. In unterschiedlichsten Formen, in einer Palette von backfarbenen Tönen, in unverwechselbarem Duft.

Zwei Samariterinnen klingelten während der Quarantäne bei uns. Sie hatten Hefe für mich. Und ich lag nicht mal am Boden, war gar nicht verletzt. Und trotzdem habe ich mich riesig gefreut über die kleine Hilfe. Gott sei Dank, dass er solche Menschen schenkt und schickt!

Auf einer bildlichen Ebene könnte ich im Anschluss an Jesus sagen: Das ist der gute Hefeteig! Der arbeitet das ganze Herz durch und steckt an mit Freude und Dankbarkeit (vgl. Lk 13,20-21).

Christoph Schubert (31.03.2020)

Krise - Jetzt mal ehrlich

Meine Frau und ich hatten so ein kleines Krisenmomentchen. Denn ich bin aus dem Rhythmus gefallen. Am Anfang unserer Quarantäne hatte ich ja darüber geschrieben, wie gut das sei, einen Rhythmus zu haben, wenn der Alltag plötzlich ganz anders ist: Zu einem Zeitpunkt aufstehen, Mahlzeiten regelmäßig einnehmen usw. Meine Frau hat mich darauf hingewiesen, dass ich das eine schreibe und das andere lebe. Nun, sie hat Recht. Diesen Satz schreibe ich mit einem kleinen Schmunzeln. Denn er ist auf eine skurrile Weise in unsere Ehe gekommen. Zur Hochzeit bekamen wir eine Karte, auf der Stand unter einem Cartoon: "Die wichtigsten vier Worte in einer Ehe sind: Du hast Recht, Schatz." Dieser Satz fällt immer mal wieder, wenn es Spannungen gibt. Und dann löst sich schon was.

Also, meine Frau hat in dieser Sache Recht. Und wenn ich über das eine schreibe, will ich auch über das andere schreiben, darüber dass es mir eine Zeit lang gelingt und dann auch wieder nicht. Ich scheitere immer wieder an eigenen Ansprüchen. Und nicht nur daran, sondern auch an den moralisch großartigen Werten, die wir als Christen unter dem Stichwort "Gebote" fassen.

Deshalb freue ich mich heute an dem wunderbaren Vers aus den Klageliedern: "Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen." (Klgl 3,22ff)

Gott fängt jeden Morgen neu an mit seiner Gnade. Und deshalb kann ich auch immer wieder neu anfangen: Das neu einüben, was ich mir vorgenommen habe. Das neu justieren, was nicht so gut läuft. Neu Gottes Güte und Treue in meinem Leben Raum geben.

Christoph Schubert (27.03.2020)

Krise - plötzlich da!

Geht doch! Dachte ich gestern laut beim Zeitunglesen. Ich war in der Politikspalte der FAZ online gelandet. In ihr findet sich ein eigener Reiter namens "Trumps Präsidentschaft". Dort stand zu lesen, dass New Yorks demokratischer Bürgermeister Cuomo und Trump miteinander in dieser Krise telefonieren. Die beiden, betonte der Verfasser, fallen sich nicht in den Rücken. Wie es um Politik stehen kann, zeigt sich, wenn eine Nachricht eine Nachricht wert ist.

Diese Nachricht ist für mich sehr wertvoll. Geht doch, dass man zusammenarbeitet! Geht doch, auch wenn man sich sonst zu ganz unterschiedlichen "Lagern" rechnet.

Aus dem lauten Denken wurde ein stilles. Warum finden wir Menschen (von "manchmal" bis "so oft" - setzen sie ihre eigene Mengenlehre ein) erst in so einem Moment zur Besinnung? Warum wird erst jetzt deutlich, eindeutig und unumstösslich klar, dass es um Menschen und ihr Leben geht? Warum entsteht erst dann, wenn das zutage liegt, Kooperation? Als wären wir zu x Prozent blind unter gewöhnlichen Bedingungen...

Als Christ sehe ich in diesem Augenblick die Menschwerdung Gottes wieder ein bisschen klarer. Nicht mit Ungeduld und Unverständnis, sondern mit Staunen. Was sich niemand auszudenken vermochte, geht doch: Gott kommt uns in Christus nahe. So leise diese Botschaft auch sein mag, ist eines doch in Christus nicht zu überhören: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." (Offb 3,20) Geht doch!

Christoph Schubert (24.03.2020)

Krise und Kalender

"Was machen wir jetzt?“ Die Frage wird mir gestellt, mehrfach, ich stelle sie mir selber auch, ebenfalls mehrfach. Dieses unglaubliche Zeitvolumen vor mir. Als hätte irgendein Paketbote einen riesigen Sack Zeit vor der Tür abgeladen. Unbestellt. Und alle Termine ungefragt von den AWB-ES sind entsorgt worden. Nein, der Kretschmann war’s. Unsere Landes- und Bundesregierung. Mit Recht. Das macht es aber nicht einfacher.

Zumal ja die Entsorgungen dramatisch sind: Von der Kirche her sagen wir gerade viele Feste ab – Konfirmationen, Jubelfeiern, Trauungen. Lange geplante Tage – weggenommen. Das tut weh. Darauf habe ich mich, haben wir uns doch vorbereitet, uns gefreut und auch drauf hingelebt! Jetzt aber können wir den Termin nicht halten.

Daneben ist natürlich im Bereich der Arbeit die Situation dramatisch. Ich denke viel an unsere Unternehmer im Lenninger Tal und darüber hinaus: Die Bäcker, die Metzger, die Handwerker, die Gastronomie-Betriebe, Getränkehändler, Obstbrandhersteller, Architekten, Elring-Klinger, Scheufelen-Campus, die Tankstellen und Atuohäuser, selbständige Einfrau- und Einmannunternehmer, die sozialen Einrichtungen und natürlich alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

„Was machen wir jetzt?“ Ich gebe uns zu dieser Frage keine Antwort, dazu habe ich ohnehin keine Kompetenz. Aber ich traue mich einen Zwischenrauf aus den Psalmen aufzunehmen:

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31,16)

Sowohl meine Lebenszeit steht in Gottes Hand, als auch die Zeit, in der ich lebe. Ich füge ihr nichts hinzu, ich nehme ihr nichts weg. Gott gibt mir und ich bekomme sie von ihm. Was für ein Geschenk! Dazu gehört die gesellige und geschäftige, genauso auch die, die unerwartet vor meiner Tür steht. Die Frage brauchen wir also nicht ängstlich oder skeptisch zu stellen. Sondern offen, mit Hoffnung. Weil meine Zeit bei Gott steht.

Christoph Schubert (20.03.2020)

 

 

Krise und ich mit mir allein?

Ob es mir leicht fällt, mit mir selbst allein zu sein? Puh, keine einfache Frage. Wenn ich freiwillig mich zurückziehe, dann mache ich das eigentlich gerne. Aber so verordnet wie jetzt? Ob mir das auch noch gefällt?

Draußen wird es stiller, in mir nicht. Da wird es lauter. Stimmen, Gedanken, ein Vorwärtstrieb, ToDo-Listen. Ein Vergleich dazu: Es kommt mir vor wie beim öffentliche Nah- und Fernverkehr, da steht draußen alles still. In meinem Herzen: vollgestopfter Bahnhof. Gerenne, Durchsagen, Hektik, Verspätungen, einfahrende Züge, Abstandsaufforderungen, losfahrende Züge, verbrauchte Luft, Reklame. 

In alter Satz der Propheten kommt mir in den Sinn: "Siehe, hier bin ich". Ein erstes Wort, mehr ein Gebet und ein Ruf zu Gott wird das in mir: Sieh mal her, was da los ist bei mir! Und dann erinnere ich mich daran, dass die Propheten diesen Satz immer dann sagten, wenn Gott einen Auftrag für sie hatte. Sie sagten damit: Ich bin bereit. Hier und jetzt. Ich höre.

Vielleicht ist jetzt die Zeit, mit Gott hinzuschauen: Was mich umtreibt. Und genauso Zeit zu hören: Was er mir gerade jetzt zu sagen hat.

Ich bin ja gar nicht allein, sondern allein mit Gott.

Christoph Schubert (19.03.2020)

Krise und Angst

Ich habe auch ein bisschen gehamstert. Als ich am Samstag in einem Drogeriemarkt stand, sog mich die eigenartige, von Besorgnis ins Panische umschlagende Atmosphäre auf. Hektisch sammelten Menschen Hygiene-Artikel in ihre Wagen. Noch hektischer räumten Verkäuferinnen und Verkäufer die Regale wieder ein. "Das Klopapier ist noch warm", kommentierte eine Verkäuferin trocken. Und schon war es in einem Wagen. Also habe ich auch Klopapier gekauft - und Waschmittel. Wer weiß, was kommt?

Als ich im Auto war, hatte ich dieses Gefühl, dass mich ab und an beschleicht: ein leichtes Unwohlsein, eine innere Stimme, die sagt: "Dieser Kauf war nicht nötig." Und dann setzte der Verstand ein. Mist! Dazu ein Lächeln: "Du bist ein Mensch."

Etwas später dachte ich an Psalm 1. "Wohl dem Menschen, [...] der Lust am Gesetz des HERRN [hat] und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl."

Ein schönes Bild, das Ps 1 entwirft. Ein Baum, standfest, tief verwurzelt, fruchtbar. Den wirft so leicht nichts um. Der lässt sich nicht so einfach mitreißen. Der steht fest. Da will ich hin. Ein Grund, etwas mehr zu vertrauen, Bibelverse zu erinnern oder nachzulesen, zu beten. Und ein Grund in den Garten zu gehen und etwas zu arbeiten, damit ich aus Wort und Schöpfung ein wenig gescheiter werde.

Christoph Schubert, 18. März 2020

Krise und Rhythmus

"Jetzt sind Corona-Ferien". So habe ich es von einigen Schulkindern gehört. Meine eigenen haben das auch gesagt. Leider musste ich ihnen erklären, dass das andere Ferien sind. Jetzt können sie nicht einfach überall und mit wem sie wollen drinnen oder draußen spielen. Für uns haben wir gesagt: wir bleiben im Haus und im Garten.

Damit ist der Alltag dahin. Wir haben keinen gewohnten Ablauf mehr. Wir sitzen aufeinander morgens, mittags und abends. Zwar in einem großen Pfarrhaus, aber eben doch aufeinander. Eine Herausforderung!

Wir haben überlegt, wie wir das anpacken. Dabei begleitet mich schon länger ein Gedanke von Benedikt von Nursia. Ein Kloster, so sagt er sinngemäß, solle die himmlische Ordnung widerspiegeln. Er denkt dabei an Jesus Christus, der bei Johannes der himmlische Logos (darin steckt unter anderem auch der Gedanke der Ordnung) genannt wird. Mit seinem Rückzug zum Gebet und seinem Dienst unter den Menschen hat er ein Vorbild gegeben. Daher ist im Kloster auch ein Rhythmus aus Gebet und Arbeit zu finden (das berühmte ora et labora).

Für uns haben wir in der Familie überlegt, dass wir auch eine Struktur entwerfen. Mit gewohnten Mahlzeiten. Mit Gebet. Mit Pausen (bei Benedikt ist Gebet und Pause identisch!). Mit Bastelzeiten, Hausaufgabenzeiten, Freispiel und gemeinsamen Kinderbibelgeschichten. Sich daran zu halten war am ersten Tag eine kleine Anstrengung. Jetzt sind wir gespannt, wie wir weiter damit gehen.

(Christoph Schubert, 17.03.2020)